Erfahrungsbericht: Praktikum am National Institute of Informatics in Tokio

Der folgende Artikel ist ein Erfahrungsbericht von Johannes Preis, der im Wintersemester 2012/2013 ein Praktikum am National Institute of Informatics (NII) in Tokio absolviert hat. Falls du auch Interesse an einem Auslandssemester hast, schau auf unsere Seite für Auslandsaufenthalte vorbei.

Das National Institute of Informatics (NII) in Tokio bietet für Masterstudenten und Doktoranden zweimal jährlich die Möglichkeit, sich im Rahmen des International Internship Program für ein Forschunspraktikum zu bewerben.
Für meinen Auslandsaufenthalt habe ich mich für die Maximaldauer von sechs Monaten entschieden – so blieb neben der Arbeit am Institut noch genug Zeit für persönliche Unternehmungen.

Institut

Das Institut liegt im Herzen Tokios (wenn man bei den enormen Ausmaßen der Metropole überhaupt davon sprechen kann), direkt neben den kaiserlichen Palastanlagen. Von der Haltestelle Jimbocho erreicht man es innerhalb von zwei Gehminuten.
Praktikanten erhalten einen eigenen Arbeitsplatz am Institut. Das Praktikum wird monatlich mit 171.000 Yen vergütet. Das ist viel Geld, was man zum Leben in Tokio aber auch benötigt, hierzu später mehr. Des Weiteren erhält man über das Institut automatisch eine Krankenversicherung. Im dritten der 22 Stockwerke befindet sich die Institutskantine, interessanter sind allerdings die zahlreichen und vielfältigen Lokale in unmittelbarer Umgebung. Soll es mal schnell gehen, kann man sich in einem der vielen Convenience Stores ein fertiges Gericht (Bentō, Nudeln, …) kaufen, welches einem auf Wunsch auch gleich noch aufgewärmt wird.

Praktikum

Aufbau, Gestaltung und Umfang des Praktikums hängen letztendlich vom Lab, an welchem man arbeitet, ab. So hatte ich bei meinem Praktikum beispielsweise keine festen Arbeitszeiten und konnte viel Arbeit auch von zuhause aus erledigen.
Zur technischen Ausstattung lassen sich ebenfalls keine allgemeinen Aussagen treffen. Ich hätte von meinem Lab einen Computer zum Arbeiten bekommen, habe aber nur meinen eigenen verwendet. Als ich mein Experiment für mein Forschungsprojekt durchgeführt habe, wurden mir die notwendigen Geräte und Räume problemlos bereitgestellt.
Die Kommunikation an meinem Lab verlief auf Englisch. Man kann davon ausgehen, dass dies auch in den meisten anderen Labs, die Praktika im Rahmen des Internship Program anbieten, der Fall ist – im Zweifelsfall einfach bei der Bewerbung kurz nachfragen. Um peinliche Momente zu vermeiden, sollte man sich trotzdem vor der Anreise ein bisschen mit den japanischen Sitten und Gebräuchen auseinandersetzen (und diese verinnerlichen). An meinem ersten Tag am NII habe ich bei der Begrüßung und Vorstellung eines Labmitarbeiters geistesabwesend zum Händedruck ausgeholt – dieser wurde sehr verhalten und verwirrt erwidert (eine Verbeugung wäre korrekt gewesen). Gerade am Institut muss man aber keine Angst haben, sich zu sehr zu blamieren – meine Praktikumsbetreuerin und Leiterin des Labs, Dr. Bono, hat beispielsweise von Anfang an sehr “westliche” Umgangsformen gepflegt (Händedruck statt Verbeugung, Anrede mit Vornamen anstelle von “Preis-san”).
Man muss auf keinen Fall mit bösen Überraschungen rechnen. Die Leute am Institut haben sich mir, wie man es den Japanern nachsagt, als sehr freundliche und entgegenkommende Menschen präsentiert und so fühlte ich mich während des gesamten Praktikums immer sehr willkommen und gut aufgenommen.
Man sollte allerdings nicht erwarten, ohne Japanischkenntnisse einfach japanische Bekanntschaften zu knüpfen – auf Englisch ist, insbesondere außerhalb des Instituts, mit vielen Japanern nur bedingt Konversation möglich.

Leben in Tokio

Unterkunft

Für meinen sechsmonatigen Aufenthalt habe ich mir ein Apartment bei Sakura House gemietet (das Institut stellt selbst keine Unterkünfte). Die Immobilienagentur bietet in Tokio Wohnmöglichkeiten (Mehrbettzimmer, Wohnungen, WGs) ausschließlich für Ausländer an. Die Mietpreise mögen zunächst selbst für Münchner sehr hoch erscheinen, allerdings sind Wasser, Strom (zugleich auch Heizung da ohnehin nur mit Klimaanlagen geheizt wird) und Internet bereits enthalten. Zudem sind die Wohnungen / Zimmer möbliert und die Küchen (falls vorhanden) mit den Standardutensilien ausgestattet. Man liest im Internet neben wenigen guten, sehr viele schlechte Meinungen über die Agentur, was mich anfangs etwas abgeschreckt hat. Die QUalität der Unterkünfte scheint stark zu variieren. Ich habe sie nach dem halben Jahr im Großen und Ganzen positiv in Erinnerung. Es ist vermutlich eine der einfachsten und bequemsten Möglichkeit, eine Unterkunft in Tokio zu finden.

Essen und Trinken

Ich habe zugegeben schon ein bisschen gebraucht, um mich an das doch sehr andere Essensangebot zu gewöhnen – was nicht heißen soll, dass das japanische Essen nicht lecker ist. Es gibt natürlich viele Gerichte mit Reis und Tofu, Suppen, Nudeln, Nudelsuppen und Sushi. Am meisten vermisst habe ich einfache Dinge wie Schwarzbrot oder Wurst und Käse. Letztere gibt es zwar, jedoch sind die Auswahl und Mengen nicht annähernd so groß wie bei uns. Um den gemeinen Haushaltseinkauf nicht zu teuer zu gestalten, sollte man hierzu am besten einen der vielen 100Yen Shops aufsuchen. Man muss sich auf jeden Fall auf höhere Lebenserhaltungskosten einstellen.

Unternehmungen

In Tokio wird man wohl nie das Problem haben, keine Unternehmung zu finden – das Problem ist eher, sich für eine zu entscheiden. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, sich zumindest einmal beim Karaoke zu versuchen – was sich dort einer derartigen Populratität erfreut, dass
– man quasi überall ein Karaokehaus findet
– man möglicherweise sogar mit seinem Professor vom NII Karaoke singen geht (so geschehen bei mir).
Neben dem breiten Unterhaltungsangebot hat Tokio aber natürlich auch kulturell Einiges zu bieten: Da wären z.B. die zahlreichen Tempel, insbesondere der Sensō-ji in Askusa, die kaiserlichen Palastanlagen und natürlich der breühmte Mt. Fuji.
Dank des guten (U-)Bahnnetzes kommt man trotz der enormen Größe Tokios in der Regel recht schnell und mit wenig Umstiegen von A nach B. Auch hier sollte man sich allerdings auf höhere Fahrtkosten einstellen, besonders auf kurzen Strecken.

Bewerbung

Das NII hat, neben zahlreichen Institutionen weltweit, mit dem Institut für Mathematik, Informatik und Statistik der LMU ein Memorandum of Understanding (MOU) unterzeichnet, um den internationalen Austausch zu fördern. Somit können sich Masterstudierende und Doktoranden des Instituts im Rahmen des International Internship Programs für ein Praktikum am Institut bewerben.

Am NII wird in einer Vielzahl informatikbezogener Gebiete geforscht, für Medieninformatiker kann insbesondere die Digital Content and Media Sciences Research Division interessant sein. Dementsprechend groß ist die Auswahl der bei den Call for Participation ausgeschriebenen Praktikumsthemen (eine Liste mit den Themen des 2nd call of 2012 findet sich hier). Die Bewerbung ist zweimal pro Jahr möglich (März und September). Aus der Liste der Themen wählt man drei Favoriten aus und bestimmt die gewünschte Praktikumsdauer (mindestes zwei, maximal sechs Monate). Die Bewerbungsunterlagen sendet man samt Lebenslauf an die verantwortliche Person am eigenen Institut, in unserem Fall ist das Dr. Peer Kröger. Aus allen Bewerbungen werden anschließend drei Kandidaten ausgewählt, deren Unterlagen werden dann an das NII übermittelt. Dort findet dann die eigentliche Auswahl statt. Diese zwei scheinbar großen Hürden sollten allerdings nicht abschrecken: Bei meiner Bewerbung für das Praktikum gab es an unserem Institut beispielsweise nur einen weiteren Interessenten, weshalb die Vorauswahl wegfallen konnte. Zudem bietet es sich an, bereits im Voraus Kontakt mit dem Wunsch-Lab aufzunehmen. So kann man bereits frühzeitig Details zum Praktikum in Erfahrung bringen und erhöht gleichzeitig auch seine Chancen, einen Praktikumsplatz zu erhalten.

Fazit

Die sechs Monate in Tokio gehören ohne Zweifel zur aufregendsten und erlebnisreichsten Zeit meines Lebens. Das Praktikum war sowohl fachlich als auch persönlich eine enorme Bereicherung. Besonders interessant war die Zusammenarbeit mit den Japanern am Institut und der gegenseitige Austausch über kulturelle Unterschiede war immer wieder spannend.
Man sollte sich allerdings auch bewusst sein, dass das Leben in Tokio zeitweise auch sehr anstrengend sein kann. Es gibt nur wenige Grünflächen, die Bebauung ist sehr dicht (und hoch) und es ist oft sehr laut. Davon abgesehen ist Tokio eine faszinierende “Stadt” und hat mich jeden Tag auf’s Neue überrascht.
Ich kann jedem der die Möglichkeit besitzt empfehlen, sich für ein Praktikum am National Institute of Informatics zu bewerben. Es lohnt sich! 頑張って!

Für Fragen und Informationen stehe ich gerne unter johannes.preis@campus.lmu.de zur Verfügung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s